Ein Volk mit eigener Hauptstadt: ein Tag in Gagausien

Ein Volk mit eigener Hauptstadt: ein Tag in Gagausien

Blog · 5. Oktober 2026

Die Frage, die ich hinter Hincesti höre

Fast auf jeder Fahrt in den Süden liest einer meiner Gäste ein Straßenschild und fragt mich: „Wer sind eigentlich die Gagausen?“ Meistens passiert das hinter Hincesti, wenn der Palast schon hinter uns liegt und die Hügel draußen allmählich in Steppe übergehen. An die Frage bin ich längst gewöhnt und warte sogar auf sie, denn die Antwort füllt bei mir den ganzen restlichen Tag.

Kurz gesagt: Die Gagausen sind ein turksprachiges Volk, das das Christentum angenommen hat und im Süden Moldaus lebt. Sie haben ihr eigenes autonomes Gebiet und ihre eigene Hauptstadt, Comrat, etwa hundert Kilometer von Chișinău entfernt. Zu Hause spricht man Gagausisch, auf der Straße oft Russisch, und das Mittagessen riecht zugleich nach dem Balkan und nach der Türkei. Dass es dieses Volk überhaupt gibt, weiß kaum jemand, der zu mir ins Auto steigt, und genau das ist für mich der beste Grund, hinzufahren.

Der Tag wird lang: achteinhalb Stunden und 240 Kilometer. Anstrengend würde ich ihn trotzdem nicht nennen. Wir steigen auf keinen Berg und gehen nicht unter die Erde, und zu Fuß sind wir nur eine Stunde unterwegs, durch eine Stadt ohne Steigungen. Unterwegs warten ein Palast, ein Museum und ein sehr langes Mittagessen. Unten erzähle ich, wie der Tag aufgebaut ist, damit Sie entscheiden können, ob er zu Ihnen passt.

Erst der Palast, dann die Steppe

Morgens hole ich Sie am Hotel ab, und nach etwa fünfundvierzig Minuten fahren wir in Hincesti ein, zum Palast Manuc Bey. Das ist ein Gutshof aus dem 19. Jahrhundert, gebaut für einen armenischen Kaufmann und Diplomaten. Heute ist dort ein Museum untergebracht, und das Anwesen selbst gilt als eines der schönsten im Land. Wir besichtigen es bei einer Führung, den Eintritt zahlen Sie vor Ort, und nach weiteren fünfundvierzig Minuten fahren wir weiter.

Die Säle beschreibe ich hier mit Absicht nicht. Auf anderen meiner Routen steht der Palast im Mittelpunkt des Tages und bekommt deutlich mehr Zeit, auf dieser Fahrt ist er eher ein kurzer, angenehmer Auftakt am Morgen, bevor die Steppe beginnt. Wenn Sie den Palast schon kennen, sagen Sie es mir vorher: Dann fahren wir direkt nach Süden, und die gewonnene Stunde verbringen wir in Comrat.

Siebzig Kilometer nach Süden

Hinter Hincesti biegt die Straße nach Süden ab, und gut eine Stunde lang fahren wir Richtung Gagausien. Es geht über die Fernstraße, ohne Feldwege durch die Dörfer, deshalb nehme ich auch große Gruppen ohne Bedenken mit in den Süden: Ein Sprinter mit zwanzig Plätzen fährt dort genauso ruhig wie ein Prius+ mit zwei Gästen. Unterwegs erzähle ich, was normalerweise in keinem Reiseführer steht. Der Süden Moldaus ist Grenzland im wörtlichsten Sinn. Die Grenzen verliefen hier von Jahrhundert zu Jahrhundert anders, und das hört man bis heute an der Sprache der Dorfbewohner und sieht es an dem, was auf den Tisch kommt. Wer was von wem übernommen hat, darüber streiten die Leute hier immer noch, und diesen Streit führt man am besten beim Mittagessen weiter.

Nach den Hügeln um Chișinău wirkt die Steppe auf Menschen ganz unterschiedlich. Manche holen das Handy heraus und filmen den Horizont, andere stecken es dagegen weg und schauen zum ersten Mal auf der Fahrt einfach aus dem Fenster. In dieser Stunde rede ich weniger als sonst unterwegs und fange erst kurz vor Besalma wieder an zu erzählen.

Besalma, das Museum eines einzelnen Mannes

Der erste Halt in Gagausien ist das Dorf Besalma mit dem Museum für Geschichte und Kultur der Gagausen. Es ist das wichtigste Museum gagausischer Kultur im Land, gegründet vom Künstler und Ethnografen Dimitriy Kara-Coban, der Gegenstände aus dem gagausischen Alltag sammelte, solange sie in den Häusern noch benutzt wurden. Die Ausstellung zeigt Traditionen, Alltag und Geschichte der Gagausen. Den Eintritt zahlen Sie vor Ort, und wir bleiben etwa eine Dreiviertelstunde.

Nach dem Palast am Morgen ist das ein ganz anderer Maßstab: ein Dorfmuseum mit Dingen, die vor Kurzem noch in den Häusern standen. Ich übersetze die Beschriftungen und alles, was man uns dort erzählt. Ich weiß inzwischen, dass Gäste hier langsamer gehen als im Palast und öfter fragen, was das für ein Gegenstand ist und wozu er gedient hat. Von Besalma nach Comrat sind es zwanzig Minuten Fahrt.

Zwei Stunden für das Mittagessen

In Comrat sind wir zur Mittagszeit, und für das Essen haben wir zwei Stunden. Das ist kein Fehler im Zeitplan, sondern Absicht, denn die gagausische Küche lockt selbst Menschen in den Süden, die sich kaum für Museen interessieren. Hier gibt es Gözleme aus dünnem Teig mit Füllung, die man am besten heiß isst, und Kavurma, langsam geschmortes Fleisch. Dazu kommen hausgemachter Brynza-Käse und Wein aus der Gegend. In diesem Essen stecken der Balkan und die Türkei, und bei Tisch erzähle ich, woher was kommt und warum sich im Grenzland alles so vermischt hat.

Auch eigenen Wein gibt es im Süden. In der Budschak-Steppe rund um die gagausischen Dörfer liegen Weingüter, und auf meinen einwöchigen Touren fahre ich mit Gästen zu einem davon. Auf der Tagestour gibt es keine eigene Führung durch ein Weingut, dafür kommt der Wein beim Mittagessen von selbst zu uns, und das reicht meistens, damit jemand das Etikett fotografiert.

Für das Mittagessen stehen zwei Orte zur Wahl, und einen davon legen wir vor der Fahrt fest. Der erste ist das Weingut Comrat: Dort gibt es zum Mittagessen den eigenen Wein, und im Haus befindet sich ein kleines Museum aus der Sowjetzeit, das für sich allein schon einen Besuch wert wäre. Der zweite ist das gagausische Restaurant Sofrasi, wenn es Ihnen vor allem um die Küche geht, ohne Führung. Das Mittagessen ist freiwillig und wird vor Ort bezahlt. Wenn ausgedehnte Mahlzeiten nichts für Sie sind, sagen Sie mir Bescheid, dann reicht uns eine Stunde, und die übrige Zeit spazieren wir durch die Stadt. Meistens läuft es allerdings andersherum: Gäste, die sich morgens noch gefragt haben, wozu man zwei Stunden fürs Mittagessen braucht, bitten gegen Ende der zweiten um zehn Minuten mehr.

Eine Stunde zu Fuß durch die Hauptstadt

Nach dem Essen sehen wir uns Comrat an. Die Stadt ist die Hauptstadt der autonomen Region Gagausien, das politische und kulturelle Zentrum der Gagausen, und zugleich ein Ort, dessen Zentrum man in etwa einer Stunde zu Fuß abläuft. Diese überschaubare Größe amüsiert mich jedes Mal ein wenig: eine Hauptstadt, die man zwischen Mittagessen und Heimfahrt einmal ganz durchqueren kann. Wir gehen langsam, nach so einem Essen ginge es ohnehin nicht schneller. Ich zeige Ihnen das Zentrum und erzähle, wovon die Stadt lebt, ohne politische Bewertungen, denn meine Aufgabe ist es, zu zeigen, und die Schlüsse ziehen Sie selbst. Auf der Straße hören Sie Russisch und Gagausisch.

Im Sommer ist es nachmittags in der Steppe heiß, und das plane ich ein: Ich verschiebe den Rundgang, führe Sie in den Schatten, und bei starker Hitze, gehen wir weniger und bleiben länger am Tisch sitzen. Dann steigen wir ins Auto, und nach 120 Kilometern, gegen Abend, setze ich Sie am Hotel ab. Auf der Rückfahrt lasse ich leise Musik laufen, gagausische, moldauische oder internationale. Nach einem gagausischen Mittagessen nicken viele dabei ein, und ich wecke niemanden, bis wir in Chișinău sind.

Was Sie mitnehmen sollten und für wen sich dieser Tag eignet

Jedes Schuhwerk ist geeignet, denn Anstiege gibt es auf dieser Route keine, und der längste Spaziergang ist eine Stunde durch das flache Comrat. Bargeld brauchen Sie: Eintritt für Palast und Museum, Mittagessen und Wein werden vor Ort bezahlt, in den Dörfern sind Karten kaum üblich, und auch in Comrat ist man mit Bargeld auf der sicheren Seite. Regen stört diesen Tag kaum, denn Palastbesuch, Museum und Mittagessen finden drinnen statt, und draußen sind wir nur die eine Stunde in der Stadt. Von November bis März sind weniger Touristen unterwegs, die Mittagessen dauern länger, und das macht den Ausflug umso angenehmer.

Kinder sind ebenfalls willkommen, bitten Sie nur bei der Buchung um einen Kindersitz. Er passt für Kinder ab neun Monaten und ist bereits im Preis enthalten. Im Museum gibt es für Kinder viel zu entdecken, beim Mittagessen erst recht. Für Gruppen ist der Süden leichter zu bereisen als viele andere Gegenden, weil die ganze Strecke über die Fernstraße führt, und ich fahre einen einzelnen Gast genauso gelassen hierher wie eine Gruppe von zwanzig Personen. Im Toyota Prius+ haben bis zu vier Gäste Platz, im Opel Vivaro bis zu sechs und im Mercedes Sprinter bis zu zwanzig.

Im Preis enthalten sind das Auto mit Kraftstoff für den ganzen Tag, die Führung in Ihrer Sprache (Deutsch, Englisch, Russisch oder Rumänisch), Abholung und Rücktransfer innerhalb von Chișinău und Wasser im Auto. Wenn Ihnen Italienisch, Spanisch oder Türkisch lieber ist, fährt ein Guide aus meinem Team mit, der diese Sprache spricht. Vor Ort bezahlen Sie:

  • den Eintritt in den Palast Manuc Bey und ins Museum in Besalma;
  • Mittagessen und Wein in Comrat;
  • Einkäufe, falls Sie etwas aus einem gagausischen Dorf mitnehmen möchten.

Diesen Tag empfehle ich allen, die schon in Cricova und Orheiul Vechi waren und etwas jenseits des üblichen Programms suchen, und allen, die Menschen spannender finden als alte Steine. Wenn Sie eine Woche in Moldau sind, rate ich, für den Süden einen eigenen Tag einzuplanen, statt ihn an eine andere Route anzuhängen, denn hundert Kilometer pro Strecke lassen sich nicht wegzaubern. Dafür lässt sich dieser Tag auf einer längeren Reise ausbauen: mit einem Mittagessen bei einer gagausischen Familie und einem Besuch auf einem Weingut in der Steppe. In der Tagesversion habe ich das Wichtigste zusammengestellt. Wenn ich an Ihrem Wunschtag schon ausgebucht bin, fährt ein Guide aus meinem Team dieselbe Route, und für den Ablauf bleibe ich verantwortlich.

Warum ich in den Süden fahre

Am liebsten fahre ich Gäste in den Süden, die glauben, Moldau schon verstanden zu haben. Hier spricht das Land eine andere Sprache, kocht anders und nennt eine Stadt seine Hauptstadt, an die man in Chișinău nicht jeden Tag denkt. Mir gefällt es zu sehen, wie sich bei den Leuten auf einer einzigen Fahrt das Bild vom Land verschiebt.

Wenn Sie müde werden, fahren wir früher zurück, und wenn Sie länger am Tisch sitzen möchten, bleiben wir sitzen. Drängen werde ich niemanden. Den Zeitplan, die Autos und was im Preis enthalten ist, finden Sie auf der Tourseite Gagausien: Palast Manuc Bey, Besalma, Comrat. Schreiben Sie mir Ihre Reisedaten und die Zahl der Gäste, um alles Weitere kümmere ich mich selbst.

Bereit zu planen?

Wenn Sie das Moldau sehen möchten, über das kein Reiseführer schreibt, schicken Sie mir auf WhatsApp Ihre Reisedaten und die Zahl der Gäste. Ich sage Ihnen, ob der Tag frei ist, und plane ihn für Sie.

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